Zahnarzt

Gestern war es mal wieder soweit. Ich hatte seit 2 Wochen eine Veränderung an einem Zahn gespürt. Ein Löchlein? Jedenfalls habe ich mir ganz vorbildlich einen Termin beim Zahnarzt besorgt und bin gestern auch ganz alleine hingefahren.

Normal ist das für mich nicht. Meine Zahnarztgeschichte ist von großen Ängsten geprägt, denn im Alter von 7 Jahren sollte mir ein wackelnder Milchzahn, der den „richtigen“ angeblich am Rauskommen hinderte, gezogen werden. „Das macht kurz „Zack“ und dann ist es schon vorbei. Tut nicht weh.“ sagte man mir. Am Ende zog man noch 2 weitere Milchzähne, die auch gerade anfingen „zu wackeln“. Es tat weh, ich hatte den Mund voll Blut, war total verängstigt und traumatisiert und was ich an Trost bekam, war: „Das ist doch alles nicht so schlimm. Wenn du heiratest, ist es längst vergessen.“ (Ich habe nicht geheiratet und ich habe es auch nie vergessen!)

Da es zu DDR-Zeiten beim Zahnarzt nur beim Ziehen eine Spritze gab, litt ich bei jedem Bohren und bei jeder Füllung Höllenqualen. Am Ende ging ich gar nicht mehr hin. Nach der Wende hörte ich, man könnte jetzt auf eine Spritze bestehen. Da ich gerade ein Loch hatte (hinten an den Schneidezähnen), versuchte ich es. Aber der ehemalige DDR-Arzt wollte mir die Spritze nicht geben und versuchte es ohne. Erst als ich den Kopf immer wegdrehte und er so nicht bohren konnte, ließ er sich erweichen. „Die Patientin hält es nicht aus ohne Spritze.“ Als wäre ich nicht da und hätte keinen Namen.

Danach ging ich jahrelang nicht mehr zum Zahnarzt. Irgendwann waren die Zähne so schlecht, dass sie, wenn ich doch einen Zahnarzt aufsuchte, nur noch gezogen werden konnten. Ich verlor einen Zahn nach dem anderen und musste vor solchen Terminen Beruhigungstabletten nehmen. Trotzdem schlotterte mein ganzer Körper sichtbar.

Dann lernte ich eine Krankenschwester kennen, die mich wegen der Dialyse betreute. Sie war auch so ein „Angsthase“, hatte aber einen Zahnarzt gefunden, der ihr die Angst nehmen konnte. Zu dem ging ich dann auch. Und seitdem… Dabei hat er gar nichts Besonderes gemacht, er hat mich nur bestimmen lassen. Beim ersten Mal sagte ich: „Nur gucken!“ Er fand mehrere Baustellen, akzeptierte aber meinen Wunsch und guckte nur. Beim nächsten Mal nahmen wir die kleinste Behandlung in Angriff. Mit Spritze. Immer nur mit Spritze! Ich war sehr oft bei ihm, manchmal wöchentlich. Nachdem die Altlasten beseitigt waren, sahen wir uns nur noch alle halbe Jahre.

Natürlich war irgendwann wieder etwas zu bohren. Es wäre nur oberflächlich. Wir könnten es ohne Spritze probieren. Ich malte mir aus, dass die Spritze ja auch immer weh tat und dieses betäubte Gefühl nicht angenehm war, das ich dann wieder stundenlang hätte. Und so versuchte ich es. Was soll ich sagen… Ich spürte NICHTS! Die Füllung war drin, ich war draußen und jubelte „Ich bin der Held vom Erdbeerfeld!“

Das war der Durchbruch. Seitdem gehe ich einfach rechtzeitig hin und brauche die Spritzen nicht mehr. Wenn die Löcher nicht tief sind, tut auch nix weh… Zahnsteinentfernen ist jedenfalls unangenehmer.

Gestern also war ich beim Zahnarzt. Es gab eine Umleitung in dem Ort, ich kannte mich nicht aus, aber ich habe mich mit Navi durchgebissen. Es war wieder nur ein kleines Löchlein, das schnell gestopft war. Ruckzuck war ich wieder zu Hause und konnte den Tag genießen.

Ich bin ein bisschen stolz auf mich, denn ich bin kein Angsthase mehr beim Zahnarzt!

12 Kommentare zu „Zahnarzt

    1. Es gab einfach zu wenig von dem Mittel. Das wurde dann für echte Notfälle aufbewahrt. Schmerzen beim Bohren gehörten nicht dazu, in den 70-ern auch kein Abschleifen der Zähne für Kronen und so. Echt eine Tortur…
      Wie hast du es denn überwinden können? (Ich freu mich mit dir, dass du auch diese Erleichterung erfahren durftest!)

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    1. Hm, das Problem ist auch, dass vielleicht Zähne nicht mehr gerettet werden können. Ein Gebiss ist leider nicht so gut zum Kauen geeignet wie die eigenen Zähne.
      Vielleicht hörst du dich lieber einmal um, es gibt heute einige Zahnärzte, die sich mit den Traumata auskennen und gut darauf eingehen. Es gibt auch zusätzliche Strategien wie Hypnose oder Lachgas.

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  1. Oh schön, dass du es geschafft hast, ja da kann man schon stolz auf sich sein 🙂

    Auch ich bin ein Angsthase, früher sagte ich immer „Lieber noch ein Kind bekommen, als zum Zahnarzt…“ Doch wie so Manches im Leben, muss es sein. Vor ca 20 Jahren habe ich hier in meiner neuen Heimat eine sehr gute Zahnärztin gefunden, sie weiß von meiner Angst. Zu ihr bin ich auch mit meinen Mädels gegangen und jetzt mit meiner Enkelin.
    Trotzdem wird der Zahnarztbesuch wird nie zu meiner Lieblingsbeschäftigung werden 😉

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