Mit dem Leiterwagen…

„Mit dem Leiterwagen sind sie in X-Dorf angekommen.“
Mit diesem Satz meiner Cousine kam ein neues Thema in mein Denken, zu dem ich mich bisher nicht zugehörig fühlte.

Wir sind verwandtschaftlich durch ihre Mutter und meinen Vater verbunden, die Geschwister sind. Ihr Vater wurde also „eingeheiratet“ und über diesen Familienzweig wusste ich bis dato nichts. Erst als der Geburtsort von ihm zur Sprache kam, änderte sich das, denn dieser lag in Schlesien.

Dort hatte die Familie gelebt, der Opa war gut begütert und hatte mindestens eine Magd. Aber dann war der Krieg zuende, die Besitzverhältnisse der Länder änderten sich und der Opa, seine Frau, deren Geschwister und alle Kinder mussten weg. Weg – das hieß, dass sie wirklich vertrieben wurden. Es wurde nicht etwa „Geht weg!“ gesagt und sie sollten sich ein neues Zuhause suchen, sondern sie wurden bewacht, dass sie wirklich schnell das Land verließen. Die Kinder des Opas waren damals 9, 6, 5 und 3 Jahre alt.

„Ab und zu durfte jemand aussteigen.“ Das war dann schon in Deutschland und bedeutete, dass eine Familie in dem Ort, durch den der Zug gerade ging, bleiben durfte. Dort begann ihr neues Leben. Für die Familie vom Opa war das X-Dorf. Für die Geschwister der Oma waren das ein Ort in Thüringen, einer bei München, einer im Ruhrgebiet. Die Familie wurde zerrissen.

Heute, wo die Oma schon länger tot ist, kennt niemand mehr ihre Geschwister. Die damaligen Kinder hatten keine Möglichkeit, ihre Onkel und Tanten richtig kennenzulernen, sie blieben immer fremde Leute.

Nun sitzen wir hier mit ganz vielen Namen und Daten und müssen doch einsehen: Dieser eine Familienzweig wird uns verborgen bleiben. Diese Namen kennen wir nicht, unser Andenken gilt Unbekannten. Und so sind wir irgendwie mit drin, in dieser Vertreibungsgeschichte. Der Krieg hat tiefe Wunden gerissen, die auch heute noch sichtbar sind.

13 Kommentare zu „Mit dem Leiterwagen…

  1. Liebe Hoffende,

    wow… Was für eine Geschichte, schade das ihr da nicht mehr weiter nachforschen könnt. Dennoch ist es wertvoll diesen Teil der Familiengeschichte kennengelernt zu haben, wenn auch nur oberflächlich.
    Ich bin ja gespannt was ihr alles noch so heraus findet.

    Weiter interessante und spannende Entdeckungen!

    Liebe Grüsse
    Alexandra

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    1. Ja, es ist schon sehr interessant, was man am Rande alles erfährt. Ich werde mal sehen, ob ich die eine oder andere Geschichte hier noch aufschreiben werde. Wertvoll für mich sind diese Informationen auf jeden Fall!

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  2. Kenne ich – mein Vater wurde in Schlesien geboren und durfte nach der Kriegsgefangenschaft nicht mehr in die Heimat zurück.
    Mein Opa wurde in Ostpreußen geboren, war allerdings selbst schon vor dem 2. Weltkrieg ins heutige NRW gekommen. Er war dann die 1. Anlaufstelle für Geflüchtete Verwandte.
    Ich bin froh das ich zur damaligen Zeit nicht gelebt habe. 🌈😎

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      1. Auf jeden Fall. Er war ja noch ein halbes Kind als er zum Millitär musste. Und dann die Eltern nie wieder sehen zu können war hart für ihn. Seinem älteren Bruder ist es genauso gegangen. Über das rote Kreuz fanden die beiden sich zum Glück wieder und siedelten sich zumindest beide im gleichen Dorf an.
        Der Bruder heiratete übrigens eine entfernte Cousine meiner Mutter, deren Familie sich auch hier ansiedelte. Leider vertrugen sich die beiden Frauen auf Dauer nicht. Aber die Brüder blieben zumindest im losen Kontakt.

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          1. Ja – mit seinen Schwestern. Die Eltern sah er nie wieder, hatte aber später Briefkontakt. Sie starben aber schon vor meiner Geburt 😪
            Die Schwestern gingen später in die DDR. Die ältere hat uns später mal besucht. Nach der Wende auch ihre Kinder. Aber wir sind Fremde geblieben 🤔

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  3. Heutzutage wird oft über die Flüchtlingswelle 2015 diskutiert. Die Familie meines Vaters wurde 1945 ebenfalls mit Leiterwagen aus der heutigen Ukraine vertrieben. Mein Vater war da in französischer KriegsGefangenschaft. Meine Schwiegermutter ist als eine der Letzten aus Königsberg geflohen und ihre Geschwister sind dann auch über ganz Deutschland verteilt worden.
    Der NachName meines Großvaters mütterlicherseits ist jüdisch und in keinen Kirchenbüchern vor 1850 zu finden. Damals lebte seine Familie im heutigen Polen.
    Es ist unglaublich spannend, wenn man so aus der Vergangenheit der Familie erfährt.

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    1. Ja, ich finde deine Geschichte auch sehr interessant, wenn auch gleichermaßen traurig. Diese zerrissenen Familien… Finde ich heute noch nicht schön, wo es eher auf Freiwilligkeit beruht. Aber gerade mit dem jüdischen Hintergrund kann man doppelt sagen: aber überlebt! Schön, dass sie es geschafft haben und du da bist! 😊👍

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      1. Danke! So ganz freiwillig ist es heute oft auch nicht. Unsere Kinder wohnen jeweils ca. 500 km entfernt, weil sie vor 20 Jahren dort Arbeit gefunden haben und dann Partner.
        Aber Großfamilien sind heute eher die Ausnahme. Dafür gibt es Skype und Whatsapp.

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        1. Genau sowas hatte ich im Hinterkopf, als ich „eher“ schrieb. Meine Schwester ist freiwillig weggegangen, ich wegen der Arbeit. Auch wir haben „in der Fremde“ Partner gefunden und werden wohl nicht zurückkehren.
          Ja, mit den Großfamilien hast du recht, wobei ein Teil meiner „alten Leutchen“ die modernen Möglichkeiten leider ablehnt.

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