Citalopram und ich

Heute ist der 40. Tag, seit ich dieses Antidepressivum, einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, nehme. Wer jetzt nachrechnet, kommt nicht auf 40, sondern auf 42. Wegen der starken Nebenwirkungen habe ich 2x eine Pause von je einem Tag gemacht. Bei der Gelegenheit habe ich das Einnahmeintervall von morgens auf abends verlegt, weil ich einfach ständig müde war.

Müde, ohne einschlafen zu können, ohne länger als 2 bis 3 Stunden schlafen zu können, ohne jemals wirklich wach zu sein. Keinen Appetit, kein Hungergefühl, Nahrungsaufnahme nur aus Vernunft und dann Übelkeit. Schwindlig war mir öfter… Und ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Das war anstrengend! Aber bis hierhin hat sich fast alles wieder normalisiert, wobei mein Schlafverhalten noch immer etwas, ähm, ungewöhnlich ist.

Was ich noch habe, ist immer mal wieder Herzklopfen, vermehrtes Schwitzen und sehr plötzlich auftretende Müdigkeit.

Aber das Mittel hilft seit dem ersten Tag gegen die fürchterliche Traurigkeit, die mir das Leben verleidet hat! Ich hoffe, dass die restlichen Nebenwirkungen auch noch nachlassen und ich dann wieder normal weiterleben kann. Die Depression ist davon natürlich nicht weg. Ich denke aber, dass ein Teil davon organisch bedingt war (Serotonin wurde zu schnell wieder „zurückgerufen“ und kam nicht richtig zur Wirkung). Nun geht’s wieder um die Psyche. Nächster Termin nächste Woche. Mal sehen, was die Psychologin zu der neuen Entwicklung sagt.

Liebe Grüße

Heute habe ich angefangen

Ich habe mir medikamentöse Unterstützung geholt. Mit dem Ende meiner Psychotherapie und den letzten auf zwei Jahre gestreckten Sitzungen ging es schrittweise immer weiter abwärts mit meinem psychischen Wohlbefinden. Das „Ihre-Therapie-ist-zuende, weil die vorgesehenen Stunden ausgeschöpft sind“, ist wie im Stich gelassen zu werden. Dir geht’s besser? Prima! Dir geht’s wieder schlechter? Tja. Die zwei Jahre Wartezeit sind noch nicht rum. Sieh zu, wie du klar kommst! Das ist echt eine „tolle“ Regelung! Mein nächster Therapietermin ist erst Ende Januar, so lange kann ich nicht mehr warten.

Eigentlich wollte ich mir vom Nierenarzt am Mittwoch nur eine Empfehlung holen. Für ein Medikament, das meine damit überforderte Psychiatrin mir dann verschreiben könnte. Sie schreckt vor den ganzen Wechselwirkungen mit meinen sonstigen Medikamenten zurück, was ich verstehen kann, aber im Notfall nicht hilfreich ist. Aber ich musste gar nicht zu ihr. Der Arzt hat mir direkt was aufgeschrieben, einen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Und gleich eine „Familienpackung“!

Es wird wohl 14 Tage dauern, bis das richtig anschlägt. Ich hoffe, dass ich es auch vertrage. Zwei Bekannte von mir haben Erfahrung damit und der Erfolg war 50/50. Eine(r) nimmt es nicht mehr wegen zu starker Nebenwirkungen und eine(r) nimmt es schon seit Jahren.

Ich hoffe sehr, dass es mir hilft, denn in den Details auf dieser Seite (und den folgenden Unterseiten) über Depressionen habe ich mich fast in allen Punkten wiedergefunden. Mein Ich-Gefühl ist aus dem Gleichgewicht geraten und das fühlt sich krank an. Da muss unbedingt was passieren, sonst sitze ich wieder nur noch stundenlang auf der Couch und denke über das Ende nach, wie damals, als ich letztlich mit der Psychotherapie angefangen habe.

Drückt mir bitte die Daumen, dass das Medi auf Anhieb „funktioniert“!
Liebe Grüße

Zu viel

Ich muss eine Pause machen. Eine Pause von den sozialen Medien, von den Nachrichten, von Gesprächen mit bestimmten Menschen – eine Pause von Corona.

Der Punkt ist da, an dem ich schlichtweg Angst habe und ständig in mich rein horche. Wenn es mir – wie heute – gesundheitlich nicht so gut geht (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, ab und zu Stechen in der Brust), fallen mir all meine „Sünden“ ein. War es nicht etwas voll, als wir letztens eingekauft haben? Beim Gespräch mit dem Obdachlosen hatte ich keine Maske auf, standen wir nicht etwas dicht beisammen? Der Bekannte letztens, der war auch sehr nah und wir beide ohne Maske – welche Kontakte hat der, trägt der vielleicht Viren mit sich rum? Ich kann die immer vorhandene Allergie nicht mehr von Coronasymptomen unterscheiden und jedes Kratzen im Hals oder Hüsteln macht mich unruhig. Ängstlich. Besorgt.

Ich weiß nicht, wie gut ich geschützt bin. Ich möchte mich nicht infizieren, auch nicht mit drei Impfungen (bei denen ich noch nicht weiß, ob sie was gebracht haben). Da ich eh schon immer „hier“ schreie, bin ich überzeugt davon, dass eine Infektion bei mir nicht einfach so vorbei geht.

Die ganzen Impfaufrufe überall machen mir deutlich, wieviele eigentlich noch nicht geimpft und eine Gefahr für mich sind. Die Berichte über nicht vorhandene Intensivkapazitäten, die steigenden Zahlen Infizierter, die trotzdem angekündigten Weihnachtsmärkte – für mich ist das alles Wahnsinn! Ich muss zu meinem eigenen Schutz Scheuklappen aufsetzen und mich für eine Weile zurückziehen. Ich halte es im Moment nicht mehr aus.

Nierenklinik

Am Dienstag hatte ich das „Vergnügen“, zur Jahresuntersuchung meiner transplantierten Niere zu dürfen. Normalerweise ist das mit Blutabnehmen und Arztgespräch, eventuell Ultraschall, schnell erledigt. D.h. das könnte es sein, denn bis jetzt war es das nie.

Der Tag begann nach einer fast schlaflosen Nacht (die üblichen Schlafstörungen) schon sehr früh. Die Ambulanz in der Klinik öffnet 7.30 Uhr, feste Termine gibt es nicht, aber bis 9 Uhr muss das Blut abgenommen sein, wegen der Medikamenteneinnahme (die Blutabnahme muss vorher erfolgen). Wir (E. und ich) fuhren 6.50 Uhr los, das sollte reichen. Dachten wir. Allerdings gab es da nach 5 Jahren noch immer diese eine Baustelle, die jegliches Pünktlichkommen in Frage stellte. Statt 45 Minuten dauerte die Fahrt mehr als doppelt so lang. Wir kamen erst 8.30 Uhr an.

Aufgrund der Corona-Regelungen musste E. wieder heim fahren, denn obwohl er doppelt geimpft ist, durfte er nicht in die Klinik.

Ich kam dann so flott zum Blutabnehmen dran, dass ich ihn schon wieder zurückrufen wollte, was ich zum Glück bleiben ließ. Das Blut wollte nicht fließen, weshalb das etwas länger dauerte, da ich nicht mehr so tolle Adern habe. Punkt 9 Uhr war ich dort fertig.

Und dann… Passierte nichts. Die Stühle waren unbequem und hart, mein Bein fing bald an zu schmerzen. Ich lief mal rum, stellte mich irgendwohin, wurde komisch angeguckt. Hin und wieder wurde mal jemand aufgerufen. Blutabnehmen, Ultraschall… Und endlich, 10 Uhr, dann auch zum Arztgespräch. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern! Dachte ich. Sollte ich E. nun anrufen oder nicht?

Ich sah in die müden Augen der anderen Patienten, die stumpfsinnig vor sich hin starrten. Gerne wäre ich mal paar Schritte draußen gelaufen, aber dort hätte ich die Ansagen nicht gehört. Also guckte ich ebenso leer vor mich hin. Es gab nichts, was Abwechslung verschafft hätte – außer den wenigen Personen, die ins Gebäude kamen oder wieder gingen. Keine Zeitungen, keine Getränke (früher konnte man das „Getränk holen“ etwas zelebrieren und sich damit beschäftigen). In so einer Atmosphäre macht das Lesen oder Spielen auf dem Tablet irgendwann keinen Spaß mehr. Mir ging die letzte Energie flöten.

Irgendwann wurde ich ungehalten, was blöd war, weil es an der Situation nichts änderte und noch mehr Energie forderte. Ich schloss mich einer Dame an, die sich an der Anmeldung beschweren ging. Man sagte ihr, dass nur der eine Arzt da wäre und sooo viele Patienten hätte. Sie regte sich auf, ich pflichtete ihr bei und nun waren wir Verbündete.

Irgendwann kam sie dran. Und dann ich. Halb zwölf. Völlig übermüdet, interesselos und gestresst. E. war schon wieder da und wartete seit einer dreiviertel Stunde im Auto.

Zum Glück war der Arzt nett. Er war sehr interessiert an der Hüftkopfnekrose und sprach mir zwei Empfehlungen aus, wo ich das operieren lassen könnte, wenn es nötig werden würde. Er hatte eigene Erfahrungen, nämlich selbst ein künstliches Hüftgelenk. Den Bericht vom MRT, den ich in meiner Nierenpraxis vorgelegt hatte, fand er nicht im PC. Er fand GAR keinen Bericht meiner sämtlichen Untersuchungen der letzten fünf Jahre in seinem PC! Mir fehlten die Worte, aber wir vereinbarten dann, dass ich die relevanten Berichte per Brief schicken werde. Den vom MRT hatte ich wohlweislich kopiert und ihm zur Verfügung gestellt. „Damit eröffne ich Ihre Sammlung!“ lachte er. Was anderes blieb mir auch nicht übrig, keine Kraft mehr zum Ärgern.

Wie geplant teilte ich ihm mit, dass ich den nächsten Termin dort erst vereinbare, wenn sich die Coronalage wieder normalisiert hat. 40 Kilometer einfachen Weg letztlich 4-mal an einem Tag fahren zu müssen, ist von allen Seiten betrachtet doof. Und ich hätte immer gerne noch zwei Ohren und ein Gehirn mehr bei solchen Arztgesprächen, weil ich so schnell alles vergesse, was gesagt worden ist. Der Arzt hat das verstanden und so soll ich das machen. Prima!

11.50 Uhr verließ ich das Gebäude. Aufgrund eines schweren Unfalls auf der Autobahn mussten wir einen Umweg fahren und waren erst 13 Uhr wieder zu Hause.

Ich fiel völlig kaputt ins Bett, erwachte zwei Stunden später mit Kopfschmerzen, nahm eine Tablette, schlief noch zwei Stunden und wachte mit einem Migräneanfall auf, der sich gewaschen hatte. Bewegung fast nicht möglich, Übelkeit kurz vorm Erbrechen. Tja, das war dann der Rest vom Tag, die Nacht und in abgeschwächter Form auch noch Mittwoch vormittag. Mittwoch nachmittag und Abend hatte ich einen „Kater“. Erst am Donnerstag war ich wieder „klar“.

Migräne habe ich nur noch ganz selten. Unter anderem weil ich in meinem persönlichen Leben sehr darauf aufpasse, dass es nicht zu solchen eskalierenden Situationen kommt. Wenn ich mich in die Hände von anderen begebe, habe ich leider keinen Einfluss mehr auf das Geschehen. Unter anderem deshalb haben sich bei mir Ängste entwickelt und gewisse Reaktionen, gegen die ich scheinbar nichts tun kann. Meine Psychotherapeutin hat noch viel zu tun. Aber ich bin erstmal froh, dass ich diesen Termin hinter mir habe.

5 Jahre

Heute vor 5 Jahren um diese Zeit war ich euphorisch, froh gestimmt, erwartungsvoll. Die Schmerzen hatten dank der starken Medikamente aufgehört und ich sah gespannt in die Zukunft. Vier Stunden waren vergangen, seit ich zum ersten Mal wieder die Augen geöffnet hatte.

In der Zeit zwischen 3 und 7 Uhr morgens hatte man mir eine Niere transplantiert.

Der Anruf kam abends 22.30 Uhr und weil ich erst kurz zuvor Blut abgegeben hatte, konnte man sich einige Voruntersuchungen sparen, für die meine Anwesenheit sonst nötig gewesen wäre. So ging alles verhältnismäßig schnell.

Leider dauerte es dann doch 3 Wochen, bis ich entlassen werden konnte, weil trotz aller vorherigen Arztbesuche und Checks ein Defekt im Darm nicht entdeckt wurde – bis ich nach der Transplantation im Krankenhaus lag. Fit war ich bei der Entlassung ganz und gar nicht und das erste Jahr war sehr, sehr schwer. Aber über das Danach (und vielleicht noch ein bisschen das Vorher) werde ich noch schreiben, irgendwann.

Heute zählt nur: 5 Jahre lang hat meine „neue“ Niere ihren Dienst getan und macht keine Anzeichen, dass sie daran etwas ändern will!

Diese 5 Jahre bedeuten für mich in erster Linie Freiheit von der Dialyse (hier und hier hatte ich davon erzählt) und damit endlich wieder weitestgehende Unabhängigkeit in der Tagesgestaltung. Das erwartete neue, „fast gesunde“ Leben nach der Transplantation bekam ich leider nicht. Aber meine Lebensqualität wurde besser als alles, was ich in den 20 Jahren zuvor hatte. Danke für diese Chance, liebe unbekannte Spenderin! Auf die nächsten 5 Jahre! 🙂