Die Orgel

Stellt euch vor, jedes Problem, jede Frage, jede Erinnerung, jedes „Das-muss-ich-noch-machen“ macht ein Geräusch wie eine Orgelpfeife. Und hört nicht mehr auf, bis… Ja, bis wann? Bis ihr eine Möglichkeit gefunden habt, der Situation zu entfliehen, in der Fantasie oder in der Wirklichkeit.

So geht es mir immer wieder. Das Bild mit den Orgelpfeifen kam spontan, trifft es aber sehr genau. An manchen Tagen – vor wichtigen Arztterminen z.B. oder jetzt gerade vor dem Urlaub – geben die Pfeifen keine Ruhe und es ist, als würden alle Pfeifen einer Orgel auf einmal ihren Dauerton von sich geben. Welch ein Krach!

Diesen Krach spüre ich in Stresssituationen. Klar, ich werde das Bild noch mit meiner Psychotherapeutin besprechen. Aber erstmal sage ich euch bescheid. Ich wollte heute unbedingt noch das August-Bild von der Baustelle von meinem 12tel Blick posten. Aber es ist noch nicht bearbeitet und diese Pfeife ist sooo laut, dass ich es jetzt auf Mitte September verschiebe, wenn ich aus dem Urlaub wieder zurück bin und Zeit und Muße dafür habe. Ebenso mit dem Freitagsfüller und all den anderen Sachen, die ich gerne gebloggt hätte, die aber momentan nur Krach in meinem Kopf machen.

Ich weiß, ihr versteht das. Deswegen schreibe ich euch davon. Und schon ist die Orgel etwas stiller – schön!

Zwischenstand

Endlich scheinen sie weg zu sein, die Auswirkungen meiner ersten Impfung. Mein Immunsystem hat sich kräftig gewehrt und mir ging es nicht gut. Das Allgemeinbefinden war grottig, der Blutdruck ging rauf und runter, meine ohnehin schon vorhandenen Schlafstörungen wurden noch schlimmer, ich war dauernd müde und hatte außer morgens gar keinen Appetit und Hunger (im Gegenteil, wenn ich ab dem Nachmittag noch was aß, wurde mir übel).

Heute ist der erste Tag, an dem ich mich wieder wohl fühle.

Ich habe die Zeit genutzt, um in meiner Seele etwas aufzuräumen. Da ruhten noch Altlasten, die ich nicht mehr auf dem Schirm hatte – vielleicht schreibe ich zu gegebener Zeit noch was dazu. Wenn es einem schlecht geht, bricht sowas hervor, so geht mir das öfter. Als würde das grottige Gefühl noch ein i-Tüpfelchen brauchen. Jedenfalls hoffe ich, dass ich irgendwas machen kann, damit es mir in dieser Hinsicht wieder besser geht. Meine beiden besten verstorbenen Freundinnen kann ich ja leider nicht wieder lebendig machen… Nachdem bei mir der vertraute Wohnort, der Freundes- und Bekanntenkreis, der Beruf und auch die Haustiere weggefallen sind, habe ich mich zu sehr durch meine Krankheit definiert. Das scheint mir ziemlich doof, ich bin doch mehr als nur krank! Über die zukünftigen (alten?) Inhalte muss ich mir aber erst noch klar werden.

Außerdem versuche ich gerade, meine Prokrastination (Aufschieberitis) zu bekämpfen. Vor allem abends/nachts merke ich sie ganz schlimm, nennt sich „revenge bedtime procrastination“, die dann zu Schlafstörungen führt. Freilich geht das nur, wenn die Depression nicht gerade das Heft in der Hand hat – es gilt, beides zu unterscheiden. Aber dabei weiß ich wenigstens, was ich machen muss.

Bei solchen Erkenntnissen wie jetzt, die zusammen mit meinem Besserungsgefühl wie ein Aufwachen sind, hätte ich gerne sofort mit meiner Psychotherapeutin gesprochen, aber bis zum nächsten Termin dauert es noch zwei Wochen. Vielleicht zeige ich ihr einfach diesen Blogbeitrag, wenn es soweit ist, und dann wärmen wir das nochmal auf.

Euch wünsche ich alles Gute. Ich bin froh, dass ihr hier seid!
Eure Hoffende

Angst

Samstag mit Schwester und Nichte spazieren gewesen.
Sonntag hat Nichte eine Zyste.
Montag ist sie im Krankenhaus.
Tests auf Toxoplasmose (einige Katzen im Haushalt) und auf Tuberkulose (ist geimpft).

In meinem Kopf dreht es sich. Wenn es etwas davon ist: Hätte ich mich anstecken können? Ständig horche ich in mich hinein, ob etwas ungewöhnlich ist, komme nicht zur Ruhe, konnte kaum schlafen.

Freitag habe ich Psychotherapie. Ich muss unbedingt reden. Nach jedem Treffen eine gedachte Inkubationszeit auszuhalten, ob die Kleine was gehabt haben könnte, das ich jetzt haben könnte – das kann es ja nicht sein. Die Zeit, bis Klarheit herrscht, wird wieder wie in Trance vergehen. Ablenkung um jeden Preis, Leben ohne Inhalt.

Zwischenstand

Es geht mir nicht besonders gut. D.h. eigentlich ist für mich fast alles normal, aber die Leute in meiner Umgebung drehen am Rad. Da streiten sich die Paare im Haus lautstark, Kinder weinen mehr als sonst, Bekannte können oder wollen nicht wieder arbeiten, Klopapier gibt’s hier immer noch nicht ausreichend, nebenbei auch keine Küchentücher, Tabs für’s Waschmaschinenentkalken oder schlichte Seife. Man kann natürlich auf Produkte mit dem 3-fachen Preis ausweichen, wenn es die denn gibt und wer es sich leisten kann.

Menschen, die früher nie Zeit hatten, haben jetzt ganz viel und wissen nicht, wohin mit sich. Früher schlugen sie die Zeit mit Einkaufsbummeln, dem Gang ins Kino oder am Wochenende zum Essen oder irgendwelche Feiern tot. Jetzt begegnen sie sich selbst und sind sooo unzufrieden… Irgendwie möchte ich so Manchen zum Therapeuten schicken. Stattdessen geh‘ ich selber hin…

So kann ich nicht wirklich genießen, dass alle etwas zum Runterfahren gezwungen worden sind. Im Gegenteil: Ich bin gestresst. Ich muss mich schon wieder verstellen, weil keiner (mehr) versteht, dass es mir mit dem Abstand-Halten und Nicht-Handgeben oder Küssen-links-Küsschen-rechts viel besser geht als vorher. Maskenpflicht? Ich trage die in der Grippe- und Erkältungszeit sowieso immer und habe nie verstanden, wieso immer gesagt wurde: „Bringt nix!“ Plötzlich ist sie ein Muss.

Grrr… Natürlich ist E. auch betroffen. Er kann einen Teil seines Nebenjobs nicht mehr machen und einigen Hobbys nicht mehr nachgehen. Da macht der Rest auch keinen Spaß. Und es ist sooo ansteckend!

Ich muss mich gerade wirklich anstrengen, mich nicht allzu tief in diesen Sumpf der allgemeinen Unzufriedenheit ziehen zu lassen. Ich habe immer noch nicht gelernt, mich abzuschotten. Fremdes Leid ist nicht unbedingt meins, aber das kapiert meine Psyche einfach nicht.

Nochmal Nierenarzt

So, nachdem ich nun das Thema mit meiner Psychologin durchgekaut habe, hier die Geschichte dazu. Ich versuche mich kurz zu fassen, will auch in mir nicht wieder alles aufwühlen.

Es ging darum, dass ich in den letzten Wochen/Monaten mit einem Arzt in dieser Praxis besprochen hatte, meinem Medikamentenvorrat von 3 Monaten auf 6 Monate aufzustocken. Kein Problem.

Am Mittwoch hatte ich aber mein Arztgespräch nicht mit ihm, sondern mit der Chefin, die eigentlich die Ärztin meines Vertrauens ist. Leider sah sie die Angelegenheit völlig anders und führte mit mir Gericht. Sie hatte alle „Beweise“ zwischen sich und mir ausgebreitet (die neuen Rezepte, mit denen ich die inzwischen verbrauchten Medikamente wieder ausgleichen wollte), nannte mein Verhalten unsolidarisch und interessierte sich absolut nicht für meine Motivation. Ich dürfte auch böse auf sie sein, aber verschreiben würde sie mir das nicht. Vorrat ja, aber für maximal drei Monate. Mehr „kann sie nicht machen“. Und es wären genug Medikamente da, man könnte ja auch mal auf einen anderen Hersteller ausweichen.

Zack! Hatte sie gerade mit MIR geredet? Irgendwie hörte sich das nach einer Rede an, die sie nicht zum ersten Mal hielt. Ich diskutierte nicht mit ihr, sie hatte ihre Meinung ja schon festgelegt.

Nur hat mich das echt umgehauen. „Unsolidarisch“ hat noch niemand zu mir gesagt. Ich bin gerade in Psychotherapie, um zu lernen, auch mal an mich zu denken. Nicht immer nur an die anderen. Unsolidarisch?

Dass diese Ärztin, die mir sonst immer alles im Detail erklärt, mich wie Patienten XY behandelt, mich mit allen anderen in einen Topf wirft, mich nicht mit in ihr Boot nimmt und mir NICHT zuhört, das war ein echter Vertrauensbruch.

Freilich habe ich danach in erster Linie wieder an mir selbst gezweifelt. Hätte ich mich wehren müssen? Hätte ich doch was sagen sollen? Aber welche Auswirkungen hätte das für die Zukunft gehabt? Bin ich wieder in eine Paralyse geraten? Das Kaninchen vor der Schlange? Am Ende ging es mir einfach nur schlecht.

Meine Therapeutin war auch ziemlich entsetzt, glaubt aber, dass diese Ärztin gerade so unter Stress stand, dass sie nicht mehr in der Lage war, aus diesem Schema F auszubrechen, mit dem sie mich behandelt hat. Was mich betrifft, fand sie meine Reaktion normal – was für mich jetzt erstmal die wichtigeste Information ist. Bin ich doch nicht so abgedreht wie befürchtet.

Ich bin nun froh über alle Medikamente, die sich in meinem Schrank befinden, die kann mir niemand mehr wegnehmen. Mindestens bei einem gab es in den letzten 14 Tagen schon verlängerte Lieferzeiten, aber es sind ja „genug Medikamente da“. Ich bin sehr gespannt und hoffe, dass das stimmt!