Für die Etüden: Erinnerungen…

Es war Montag und wieder einmal brachte ich den gelben Sack raus. Ob das, was wir da reingeworfen haben, wirklich alles recycelbar ist? Immerhin, in meiner Kindheit war an Kunststoffverwertung noch nicht zu denken. Damals…

Ich sah mich noch mit meiner Klassenkameradin von gegenüber je ein Päckchen Altpapier für die Altstoffsammlung zur Schule tragen.
Sie war irgendwie ganz anders als ich. Sie war nie pünktlich, und wenn ich bei ihr klingelte, hatte sie manchmal noch ihr Frühstücksbrot in der Hand. Zum Abschied bekam sie von ihrer Mutter ein Küsschen auf den Mund und dann gingen wir los. Für mich war der Ablauf seltsam, denn mein Morgen war immer geplant. Ich durfte erst vom Tisch aufstehen, wenn ich mit dem Essen fertig war. Einen Kuss bekam ich nie, meist ging ich ohnehin alleine los.
Irgendwann schenkte mir dieses Nachbarsmädchen seinen großen Teddy und erzählte, sie würde heute abend ausreisen, mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern „in den Westen“ ziehen. Mit meinen 10 Jahren hatte ich keine Vorstellung davon, was das bedeutete. Nur, dass sie weit weg sein würde und wir uns nicht besuchen könnten. Was aus ihr wohl geworden ist?

Gedankenverloren stellte ich den gelben Sack an den Sammelplatz. Als ich den Kopf hob, war der Himmel seltsam erhellt – die Sonne war schon nicht mehr zu sehen. Ich lief schnell zu einer kleinen Anhöhe und bewunderte einmaliges Himmelsleuchten und die wunderbaren Farben des Sonnenuntergangs. War das schön!

Nein, man kann die Vergangenheit nicht festhalten, aber man kann die Gegenwart bewusst erleben und genießen! Das hat mir dieses Erlebnis wieder einmal mehr als deutlich gezeigt.

Diese Geschichte ist ein Beitrag zum Schreibprojekt „abc.etüden“ vom Blog Irgendwas ist immer von Christiane. Diesmal geht es um die 45. und 46. Woche und es waren die Wörter „Himmelsleuchten“, „recycelbar“ und „ausreisen“ in einem Text von maximal 300 Wörtern zu verwenden. Es sind heute bei mir 263 Wörter geworden.

Für die Etüden: Im Herbst am Rhein

Es ist kühl, etwas nasskalt und nicht gerade angenehm. Aber ich brauche frische Luft, und deshalb habe ich mich warm angezogen und bin an den Rhein gefahren.
Außer mir ist niemand da. Sonst sind oft Spaziergänger mit ihren Hunden unterwegs. Aber heute bleibe ich allein.
Mir ist das recht.

Ich suche mir ein windgeschütztes Plätzchen an einem verbuschten Baum und lasse mich dort nieder.
Etwas trockenes Holz habe ich mitgebracht, das ich nun zu einem kleinen Häufchen lege. Wo sind die Streichhölzer? – Ah, da!
Zum Glück ist niemand da, der mir Belehrungen erteilen will. Ich weiß, was ich tue, ich brauche nicht ängstlich zu sein. Das gesamte Ufer besteht nur aus Steinchen, das Feuer ist sehr klein, mein Windschutz weit genug weg.
Ich hole einen Apfel aus meiner Tasche, spieße ihn auf einen stabileren Zweig und lege ihn in die Glut.
Nun muss ich etwas warten und den Apfel auch mal umdrehen.
Das Feuerchen wärmt mich etwas.

Ich beobachte die Schiffe, die ihre Fracht transportieren. Rheinauf und -ab fahren sie und haben manchmal ganz schön zu kämpfen. Wie lange sie wohl unterwegs sind, bis sie am Ziel ankommen?
Als der Verkehr nachlässt, entdecke ich ein paar Wildgänse, die eine Pause auf dem Wasser einlegen. Doch bald schwingen sie sich in die Luft und bilden das typische V ihres Vogelfluges. Macht’s gut!

Nun ist auch mein Apfel fertig. Mit meinem Taschenmesser löse ich die verkohlte Schale und beiße ins warme Fruchtfleisch. Süß und etwas würzig – ich genieße mein besonderes Mahl bis zum letzten Zipfel.
Am Ende breche ich meine Zelte ab, lösche das Feuer mit etwas Wasser aus meiner Trinkflasche und decke die Asche mit Steinchen ab.

So ein Moment, in dem die Welt weit weg ist, verbunden mit der Natur, ist Balsam für meine Seele.

Diese Geschichte ist ein Beitrag zum Schreibprojekt „abc.etüden“ vom Blog Irgendwas ist immer von Christiane. Diesmal geht es um die 43. und 44. Woche und es waren die Wörter „Vogelflug“, „ängstlich“ und „schwingen“ in einem Text von maximal 300 Wörtern zu verwenden. Es sind heute bei mir 296 Wörter.

Für die Etüden: Sommerbilder

Es war ein Sommer in meiner Kindheit. Ich ging schon in die Schule und ich war Einzelkind. In meiner Erinnerung schien immer die Sonne und es war an jedem Tag warm. Wahrscheinlich hat mein Hirn da einige Fakten gefälscht, damit heute für mich schöne Bilder in meinem Kopf entstehen können. Acht Wochen Ferien boten viel Platz für herrliche Erlebnisse! Seltsamerweise sind von dieser so langen freien Zeit auch Mahlzeiten bei mir haften geblieben, und das sehr lebendig.

In besagtem Sommer – wir waren erst vor zwei oder drei Jahren in das neu gebaute Haus gezogen – war das Gewächshaus schon eine Zeit lang fertig. Darin wuchs außer den Gurken auch Kopfsalat. Im Garten gab es noch Tomaten, Kohlrabi, Erdbeeren und anderes Gemüse. An besonders heißen Tagen, wenn der Appetit mittags nicht sonderlich groß war, gab es einfach nur unseren Kopfsalat. Einzelne Blätter, gewaschen, in einer Schüssel mit Zitronenwasser mit Zucker überstreut. Das war ein Geschlabber! Für mich als Kind genau richtig, für meinen Vater hätte das als Hauptmahlzeit niemals gereicht.

Wenn er im August Urlaub hatte – und den hatte er jedes Jahr – fuhren wir zu meiner Oma an die Ostsee. Sehr oft verbrachten wir die Tage am Strand und an manchen Abenden gab es Räucherflundern. Bei diesen Fischen muss das Zerlegen und Essen in einer bestimmten Reihenfolge geschehen, jedenfalls bei uns. Es ist eine kleine Zeremonie, die sich über viele, viele Jahre gehalten hat. Heute darf meine Mutter leider keine Flundern mehr essen, weil sie zu jodhaltig sind. Das ist ein bisschen schade. Ich mag solche Familientraditionen.

Darum habe ich im letzten Sommer die Gelegenheit genutzt und das Wissen meiner Schwester darüber wieder aufgefrischt. Sie hatte es fast schon vergessen, aber nun kann sie es an ihre Tochter weitergeben, wenn sie alt genug dafür ist. Oder ich – das wäre am schönsten!

Diese Geschichte ist ein Beitrag zum Schreibprojekt „abc.etüden“ vom Blog Irgendwas ist immer von Christiane. Diesmal geht es um die 40. und 41. Woche und es waren die Wörter „Gewächshaus“, „jodhaltig“ und „fälschen“ in einem Text von maximal 300 Wörtern zu verwenden. Es sind heute bei mir genau 299 Wörter.

Für die Etüden: 10 Ärzte, 11 Meinungen

Ein Hinweis vorab: In diesem Beitrag geht es um das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Ängste werden erwähnt. Wer ein Problem mit diesem Thema hat, sollte es vielleicht lieber nicht lesen. Es könnte Erinnerungen wachrufen, die zu psychischen Problemen führen.

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10 Ärzte, 11 Meinungen

So ist es auch mit den Persönlichkeiten unter ihnen – ich könnte Romane darüber schreiben! Das würde natürlich jeglichen Rahmen sprengen, deshalb beschränke ich mich hier lieber auf die fünf Ärzte in der nephrologischen Praxis, die mich derzeit ambulant betreuen.

Arzt 1 ist nett, aber im Nierenfach noch etwas unerfahren, in anderen medizinischen Bereichen dafür sehr sicher. Er hinterlässt in mir meist ein gutes Gefühl.

Bei Arzt 2 hat spürbar mehr Erfahrung, findet jedoch fast bei jedem Gespräch Gründe, um mich ins Krankenhaus einzuweisen. Er duldet keinen Zweifel und keinen Widerspruch. Gespräche bestehen aus Monologen seinerseits, die nur Zustimmung erheischen wollen. Ein sehr unangenehmer Mensch.

Arzt 3 strahlt viel Ruhe aus, wirkt ab und zu in sich gekehrt und besorgt. Er legt nicht übermäßig viel Wert auf die Zahlen im Computer, sondern möchte lieber wissen, wie ich mich gerade fühle. Auch Privates findet Eingang in die Gespräche. Dieses Arzt-Patienten-Verhältnis ist von Menschlichkeit geprägt.

Arzt 4 spricht „Ja. Ja. Ja… Ja! Ja“, während ich von meinen Beschwerden berichte. Nebenbei hackt er auf der Tastatur herum. Er ist von der schnellen Sorte, was die Wartezeiten verkürzt, aber nicht immer Gewissenhaftigkeit vermittelt. Trotzdem hat es meist Hand und Fuß, was er tut.

Arzt 5 ist jemand, der immer freundlich ist, sich viel Zeit nimmt, alle Blutwerte ansieht und sich nach meinem Befinden erkundigt. Es sind auch sehr private Wortwechsel möglich. Am Ende entlässt er mich immer „in die Freiheit“. Das ist der Arzt meines Vertrauens dort, den ich im Notfall immer kontaktieren kann.

So variabel die Behandler, so unterschiedlich die Arztgespräche. Dadurch entstand bei mir viel Unsicherheit und letztlich bekam ich Angstzustände. Denen begegne ich, indem ich mich im Vorfeld erkundige, wer mein Gesprächspartner sein wird. So kann ich mich auf mein Gegenüber einstellen und bin viel ruhiger.

Diese Geschichte ist mein dritter Beitrag zu den abc.etüden vom Blog Irgendwas ist immer von Christiane. Diesmal geht es um die 38. und 39. Woche und es waren die Wörter „Roman“, „variabel“ und „entlassen“ zu verwenden. Von den maximalen 300 Wörtern habe ich 289 verwendet.
Der Einfachheit halber und um Neutralität und Anonymität zu wahren, habe ich bei den Ärzten die männliche Form verwendet. Es sind aber durchaus Frauen dabei.

Für die Etüden: Grenzlinie

Als ich meine Wohnung verlassen und umziehen musste, fand ich nur einen zu großen Ersatz. Um mir zu helfen, zog sie mit mir in eine WG. Ich wusste nichts von ihr, außer dass sie sehr nett war. Unser anfängliches Verhältnis war, im Nachhinein gesehen, von einer gewissen Unterwürfigkeit ihrerseits geprägt. Sie ging für uns einkaufen, kümmerte sich um meinen Hund, wusch Wäsche, putzte… Ich wollte das eigentlich nicht, aber sie bestand darauf. Ich nahm es hin, schließlich konnte ich mich so voll und ganz meinen Hobbys hingeben.

Doch nach einigen Monaten veränderte sich ihr Verhalten. Spätestens, seit sie mir vorwarf, zu lange mit jemand anders telefoniert und für sie nie Zeit zu haben, wurde unser Verhältnis eher ambivalent. Nach weiteren Wochen wurden aus den Vorhaltungen Beschimpfungen. Alle paar Minuten kam sie in mein Zimmer und knallte mir irgendetwas an den Kopf. Oft Sachen, die gar nicht stimmten oder völlig übertrieben waren.

Nachdem sie wiedereinmal ihren Frust durch sinnlose Einkäufe zu ertränken gedachte, schloss ich die Wohnungstür ab und nahm ihren Schlüssel an mich. Sie versuchte dann, das Schloss aufzuschrauben. Jedes Mal, wenn sie sich einer Schraube widmete, drehte ich die vorige wieder hinein. Es dauerte ewig, bis sie die Sinnlosigkeit ihrer Handlung erkannte. Als sie dann drohte, sich etwas anzutun, rief ich die Feuerwehr an. Es war eine reine Verzweiflungstat, ich wusste nicht mehr weiter. Der Notarzt sprach mit ihr einige Zeit durch die geschlossene Tür. Offensichtlich beruhigte sie sich dadurch wieder.

Nachdem ich später selbst aggressiv wurde und ihr gegen das Bein trat, lösten wir die Wohngemeinschaft auf. Wenn jemand Borderline hat, ist es nicht leicht mit dem Zusammenleben. Nach einer monatelangen Kontaktlosigkeit fanden wir aber wieder zueinander. Sie war bis zu ihrem Tod meine beste Freundin. Die Erlebnisse der Wohngemeinschaft hatten uns zusammengeschweißt, es gab kein Geheimnis mehr.

Diese Geschichte ist mein zweiter Beitrag zu den abc.etüden vom Blog Irgendwas ist immer von Christiane. Diesmal geht es um die 36. und 37. Woche und es waren die Wörter „Verzweiflungstat“, „ambivalent“ und „hingeben“ zu verwenden. Von den maximalen 300 Wörtern habe ich alle 300 verwendet.