Wörter und Worte: „Iss auf, dann wird morgen schönes Wetter!“

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Welches Kind musste nicht schon diesen Satz hören, wenn es eigentlich satt war oder keine Lust mehr auf das Essen hatte und nur noch darin herumstocherte? – Zugegeben, mir war das Wetter egal, ich wollte aufhören dürfen zu essen!

Und überhaupt: Was hatte das Wetter mit dem Essen zu tun? Und was war, wenn ich aufgegessen hatte, meine Schwester neben mir aber nicht? – Wetterchaos?

Die Erklärung ist ziemlich einfach und beruht auf einem Verständnisfehler.

Der Originalsatz stammt aus dem Plattdeutschen und lautet: „Et dien Töller leddig, dann givt dat morgen goods wedder!“ – „Iss deinen Teller leer, dann gibt es morgen Gutes wieder (wieder etwas Gutes)!“ Also wenn man nicht aufgegessen hatte, bekam man am nächsten Tag den Rest nochmals vorgesetzt. Anderenfalls wurde neu gekocht – „etwas Gutes“.

Für jemand Fremdes, der kein Plattdeutsch versteht, hörte sich das sehr stark nach „Wetter“ an! Und so nahm irgend jemand diese vermeintliche Weisheit mit nach Hause und verbreitete sie dort. In der Folge wurde Kindern eingeredet, sie könnten das Wetter beeinflussen.

Heute sieht man das zum Glück etwas anders und vorzeitig satt zu sein, ist nicht mehr schlimm. Stattdessen ist es ein Kompliment für den Koch, wenn der Teller leer gegessen wurde, denn dann hat es offensichtlich geschmeckt.

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29 Kommentare zu „Wörter und Worte: „Iss auf, dann wird morgen schönes Wetter!“

    1. Danke für dein Interesse, lieber Schreibman! Dass das „plattdietsch“ ist, kann ich auf jeden Fall bestätigen. Ich bin ja zur Hälfte ein Fischkopp. 😀 Ein Bedeutungswandel ist das nicht – „wedder“ heißt im Plattdeutschen nach wie vor „wieder“. Es wurde nur falsch verstanden. Es gibt auch tatsächlich noch mehr Redewendungen, die auf solchen Fehl“übersetzungen“ beruhen. „Es zieht wie Hechtsuppe“ z.B. und möglicherweise auch der Silvestergruß „Guten Rutsch“. 🙂
      Liebe Grüße
      die Hoffende

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      1. Der Sinn des Ausgangsspruchs liegt genau hier: Das Kind sollte genug essen, um gesund zu sein und Widerstandskraft zum Überleben zu haben. Die Begründungen dafür waren sehr vielfältig, ob nun das Wetter schön werden sollte, die Arbeit und das Essen geschätzt werden mussten oder das Bildchen auf dem Tellerboden zu Vorschein kam.

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    1. Es war für die Eltern manchmal schwer zu verstehen, dass viel zu essen nicht mehr überlebenswichtig war. Die Generationen vor uns haben solche Nöte erlebt, dass es unabdingbar war, sich etwas für schlechte Zeiten anzuessen. Dass sie uns damit manchmal gequält haben, wussten sie nicht. Außerdem konnte man es sich früher einfach nicht leisten, Essen umkommen zu lassen. Kühlschränke hatte man noch nicht. Also musste alles aufgegessen werden.
      Zum Glück haben sich die Zeiten geändert und ich hoffe, kein Kind muss mehr über seinen Hunger und Appetit essen.
      Liebe Grüße
      die Hoffende

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      1. Daher kommt es in meiner Familie wahrscheinlich auch. Meine Urgroßoma hat den ersten und Zweiten Weltkrieg durchgemacht, meine Oma wurde im Zweiten Weltkrieg geboren. Bei uns wurde immer viel gehortet und alles verwertet, auch wenn das aber der Generation meiner Mutter eigentlich nicht mehr nötig war. Das hoffe ich auch für die Kinder. Essen sollte kein Zwang sein.

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        1. So sieht es in meiner Verwandtschaft auch aus. Unsere Eltern wurden noch ganz in diesem Sinne erzogen und wenn ich mich an die Diskussionen erinnere, als es um den Lachs ging, dessen MHD seit 6 Wochen abgelaufen war – oh je! 🙈
          Die Tochter meiner Schwester wächst zum Glück ganz anders auf.

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          1. Lustig, solche Diskussionen gab es in meiner Familie auch schon, besonders mit meiner Mutter. Essen wird nicht weggeworfen, egal was das MHD sagt. Nach dem Tod meiner Mutter konnte ich dann zum Teil 10 Jahre abgelaufene Sache entsorgen, aber habe ich mich dabei schuldig gefühlt.

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        1. Ja, sowas habe ich im Kindergarten gesehen. Es kam dort auch manchmal vor, das Kinder mit dem Gesicht in ihr nicht aufgegessenes Essen getunkt wurden. Diese Bilder werde ich nie vergessen und ich hatte immer Angst, dass mir das selbst passiert. Ich habe aber keine Erinnerung, ob es mal vorgekommen ist. Das Erleben der anderen war schlimm genug. Ich bin froh, dass meine kleine Nichte das ganz anders erleben darf und du es ja auch nicht kennengelernt hast. Das macht mir Hoffnung für die Zukunft!
          Alles Liebe
          die Hoffende

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  1. Igitt, wie schlimm,das Getunktwerden im Kindergarten- von eventuell gar katholischen Schwestern, nicht zu fassen. Mir haben sie gesagt als Kind, wenn ich nicht alles aufessen tät, käme ich ins Waisenhaus, da gäbe es so genannte Essmaschinen, da würde man eingespannt und von einem erbarmungslosen Roboterarm gefüttert…Klasse, was! Zynismus fertig.
    Gruß von Sonja

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    1. Essmaschinen… Es ist doch unglaublich, wie dieser eigentlich fürsorgliche Gedanke entgleist ist und letztlich zu Gewalt geführt hat. Meine Erfahrungen habe ich übrigens in einem DDR-Kindergarten gesammelt. Aber die Erzieher der Erzieher in deutschen Landen waren ja die gleichen, mit der sog. Schwarzen Pädagogik Erzogenen.
      Liebe Grüße
      die Hoffende

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  2. Ach daher kommt das. Okay wusste ich auch nicht. Fand den Spruch aber auch immer sehr unschön. Hab das eher damit in Verbindung gebracht, dass man nicht wollte, dass gutes Essen verkommt; also brav alles auffuttern 😉

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